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Reinsdorf
Reinsdorf, Clara; Paul Reinsdorf, Hg. Zensur im Namen des Herrn. Zur Anatomie des Gotteslästerungsparagraphen.
Aschaffenburg: Alibri, 1997. 131 Seiten
Der Sammelband Zensur im Namen des Herrn beleuchtet in fünf Beiträgen die Hintergründe und Auswirkungen des §166 StGB.
Der historische Abriß "Gotteslästerung" ist erfreulich kurz: dazu gibt es zahlreiche andere Werke. Hintergrund dafür, daß dieser Paragraf aus dem 19. Jahrhundert immer noch angewendet wird, ist mit, daß sich ein Teil der Kirchenanhänger (wie sich im Verlaufe des Textes zeigt: fast ausschließlich der christlichen Großkirchen) nicht damit abfinden will, daß es auch andere Meinungen gibt. Und (aber dieses wird in diesem Buch nicht direkt gesagt) daß die Glaubensposition der Christen, wird sie beim Namen genannt, oftmals ganz von alleine lächerlich oder verstörrend wirkt (z.B. sonntäglicher Verzehr von Leib und Blut des Mensch gewordenen Gottessohnes).
Nachdem man auf Seite 17 die Fassungen des §166 von 1872 und 1969 gelesen hat, kann man sich nur wundern, daß beispielsweise das Bayerische Innenministerium nicht ständig unter Anklage steht. Einige Religionen und Weltanschauungen werden von dort vehement bekämpft, zum Teil vom Geheimdienst überwacht (weltanschauungViele Religionen oder Glaubensgemeinschaften werden benachteiligt und verfolgt).
Das Buch ist durch seine konzentrierte Darstellung und Beleuchtung durch verschiedene Autoren gut zu einer Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn von §166 geeignet.
Durch die Beiträge aus unterschiedlicher Tastatur sind Überschneidungen von erwähnten Zensuraktionen nicht zu vermeiden. Die Verfasser sind manchmal bemüht zurückhaltend. So stellt Gunnar Schedel nach dem Wandel der Schwerpunkte der Kirchenkritik zu Beginn der 1990er Jahre eine Versachlichung der Argumentation fest (S. 89). Über die früheren historischen und psychologischen Themen ließ sich halt besser streiten. Wer kennt die Zahl der im Namen des Herrn ermordeten Indios in Mittelamerika genau? Die derzeitigen Hauptkritikpunkte wie Finanzen und Schulpolitik der Kirchen können von klerikaler Seite nur schwer abgeschwächt werden.
Auch den von mir herausgelesenen Optimismus der Autoren, der §166 würde mit fortschreitender Trennung von Kirche und Staat von selbst überflüssig werden, erwies sich bisher als trügerisch. Selbst nach dem fundamentalistisch motiviertem Superangriff am 11. September 2001 gelang es den Kirchen und ihnen willfährigen Politikern von der Diskussion um die Urheberschaft durch religiöse und politische Fanatiker abzulenken.
Eine Auseinandersetzung mit den Wurzeln von religiösen Fanatismus, Radikalismus und Fundamentalismus (siehe auch: zensur Fanatismus Radikalismus FundamentalismusWider religiösen Fanatismus, Radikalismus und Fundamentalismus) wichtiger denn je. Durch saubere Belegstellen der Zitate und einem Literaturverzeichnis nach dem Beitrag von Roland Seim (siehe auch: zensur Seim, Roland, Josef SpiegelSeim, Roland, Josef Spiegel . 'Ab 18' - zensiert, diskutiert, unterschlagen) ist eine Vertiefung des Themas nach der Lektüre dieses empfehlenswerten Buches kein Problem.
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Reinsdorf, Clara; Reinsdorf, Paul (Hrsg.): Zensur im Namen des Herrn. Zur Anatomie des Gotteslästerungsparagraphen. Aschaffenburg: Alibri, 1997. 131 Seiten reinsdorf

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.11.2002